Wahlsonntag 18 Uhr. Die Prognose sieht die SPD deutschlandweit bei knapp über 21 Prozent der Wählerstimmen. Im Laufe des Abends werden die Prozente sogar noch weniger. Am Ende das schlechteste SPD-Ergebnis aller Europawahlen (die gibt es sei 1979). Erstmals wird kein Sozialdemokrat Mecklenburg-Vorpommern im Europaparlament vertreten. Kurz vor Mitternacht zeichnet sich ab, daß die SPD im Bad Doberaner Kreistag ein weiteres Mandat abgeben muß. Nur noch 11 von 53 Sitzen gehen an die SPD.
| Kreistagswahl | 1994 | 1999 | 2004 | 2009 |
| SPD in Prozent | 27,0 | 25,8 | 22,6 | 20,3 |
| SPD-Mandate im Kreistag | 14 von 47 | 15 von 53 | 12 von 53 | 11 von 53 |
Dann folgen die Ergebnisse der Städte und Gemeinden. In manchen können sich die Sozialdemokraten behaupten, der Trend aber geht auch hier nach unten. Nun gibt es eine uralte Weisheit, daß immer, wenn die SPD im Bund regiert, sie in den Ländern eher verliert und umgekehrt. Das läßt sich auch auf die nachfolgenden Ebenen übertragen, sozusagen ein negativer Amtsbonus, eine Art Denkzettel, wobei sich der Wähler-Swing eher durch das Nichtwählen ergibt, denn durch einen echten Wechsel. Die Wahlbeteiligung war entsprechend niedrig. Soweit nicht neues. Doch woran genau lag beispielsweise die niedrige Wahlbeteiligung und die geringe Zustimmung zur SPD? Ganz sicher nicht am Wahlprogramm des SPD-Kreisverbandes. Das dürfte kaum jemand gelesen haben. Woran also sonst?
Um darüber gemeinsam nachzudenken, fuhr ich am Montag in meiner Funktion als Ortsvereinsvorsitzender und damit automatisch beratendes Mitglied des erweiterten SPD-Kreisvorstandes nach Rostock. Es sind exakt 24 Stunden seit der Prognose vergangen. Trübe Stimmung in der Runde, aber man will sich nicht unterkriegen lassen, baut sich an einigen guten Wahlnachrichten (denn die gab es ja im Kleinen auch) wieder auf. Manch politischem Wettbewerber erging es noch schlechter und auch das kann einen selber wieder etwas aufbauen, seien wir mal ehrlich.
Tagesordnungspunkt Auswertung des Wahlkampfes. Die Ortsvereinsvorsitzenden berichten reihum aus ihren Gemeinden. Prozentzahlen werden verlesen. Plakate, Faltblätter, Verteilung, alles kommt kurz zur Sprache. “Hat da noch wer etwas?” Ich hebe an mit dem freundlich formulierten Satz “Hilfreich war die Diätendiskussion im Landtag sicherlich auch nicht.” komme aber nur bis “Diäten”, als mir bereits ein Bundestagsabgeordneter ins Wort fällt. Höflich erzogen höre ich mir dann seine lange Erklärungen an, warum die Diäten gerechtfertigt seien und das dieses System der Diätenerhöhungen im Landtag sogar noch viel besser als das des Bundestages wäre. Irgendwann will ich dann aber einwenden, “das es um eine Art Rechtfertigung gar nicht ginge und sei sie noch so gerechtfertigt in den Augen der Abgeordneten, wenn der Wähler das so nicht teilt”. Doch mir wird von der Versammlungsleiterin sofort das Wort entzogen, mit dem Verweis, “das könne man auch noch im Anschluß besprechen”. Im übrigen sollen Hinweise zur Wahl schriftlich eingereicht werden. Ich aber höre schon gar nicht mehr auf die Einreichungsfrist, dämmere die letzten Minuten vor mich hin und denke mir meinen Teil, insbesondere zu den eigentlichen Ursachen der Wahlergebnisse.
Egal, ich weigere mich, den Wählern, wenn sie mich wie am SPD-Stand letzten Freitag auf den Kröpeliner Markt darauf ansprechen, Rechtfertigungen vorzuplappern, an die ich selber nicht glauben kann. Nicht zu Diätenerhöhungen im Landtag, nicht zu der Notwendigkeit von deutschen Gefallenen im Afghanistankrieg (um mal ein besonders herbes Beispiel aufzuführen) und künftig auch nicht mehr zu den Stimmenverlusten der SPD.





