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	<title>Kommentare zu: Programm</title>
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	<description>Der Landkreis Bad Doberan aus sozialdemokratischer Sicht</description>
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		<title>Von: Presse</title>
		<link>http://www.spd-dbr.de/bund-und-bundestag/grundsatzprogramm/comment-page-1#comment-179</link>
		<dc:creator>Presse</dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Apr 2006 10:14:17 +0000</pubDate>
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		<content:encoded><![CDATA[<p><em>Eigentlich wollte das <acronym title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</acronym>-Pr&#228;sidium heute unter der Leitung von Matthias Platzeck das neue Grundsatzprogramm der Partei beraten. Dazu wird es wegen seines R&#252;cktritts nicht mehr kommen. Im SPIEGEL hat Platzeck sein politisches Verm&#228;chtnis vorab vorgestellt.</em></p>
<p><small>DER SPIEGEL 15/2006 &#8211; 10. April 2006</small><br />
URL: <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,410494,00.html" rel="nofollow" class="liexternal"></a><a href='http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,410494,00.html'>http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,410494,00.html</a></p>
<h3>Ein besserer Sozialstaat</h3>
<p><strong>Von Matthias Platzeck</strong></p>
<p>Die Vorg&#228;nge an der Berliner R&#252;tli-Schule haben die Menschen in Deutschland aufgeschreckt. Pl&#246;tzlich herrschen Entsetzen und Besorgnis &#252;ber die neuen sozialen Spaltungen, die sich keineswegs nur in Berlin-Neuk&#246;lln, sondern &#252;berall in unserer Gesellschaft auftun. Bei einigen konservativen Politikern haben die Ereignisse sogleich die &#252;blichen gedankenlosen Reflexe ausgel&#246;st. Vom &#8220;Wegschlie&#223;en&#8221;, &#8220;Rausschmei&#223;en&#8221; und &#8220;Abschieben&#8221; ist die Rede, ja sogar von der Einweisung Jugendlicher in den &#8220;Schnupperknast&#8221;.</p>
<p>Das alles hilft uns in Deutschland heute kein St&#252;ck weiter. Die richtige Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit werden wir nie und nimmer darin finden, die Spaltung unserer Gesellschaft in Gewinner und Verlierer, in Insider und Outsider nur noch mehr zu vertiefen. Die negativen Folgen von Ausschluss und Ausgrenzung, wie sie uns der Fall der R&#252;tli-Schule beispielhaft vor Augen f&#252;hrt, beseitigen wir gerade nicht durch noch mehr Ausgrenzung der ohnehin Ausgegrenzten. Was unser Land heute zuallerletzt braucht, sind Rezepte, die sich l&#228;ngst als Teil des Problems erwiesen haben.</p>
<p>Wahr ist allerdings, dass uns die Berliner Vorg&#228;nge eindringlich zum Umsteuern auffordern. Deutschland ist ein Einwanderungsland, doch die Integrationsf&#228;higkeit unserer Gesellschaft und die Integrationsbereitschaft mancher, die nach Deutschland gekommen sind, weisen deutliche Defizite auf. Ausschluss und Selbstausschluss auf ethnischer Grundlage f&#246;rdern das Auseinanderdriften der Gesellschaft in parallele Kulturen, die voneinander nur noch wenig wissen.</p>
<p>Kein Zweifel also, wir brauchen neue Antworten auf die Fragen der sozialen Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert &#8211; und wir Sozialdemokraten werden sie geben. Gerade deshalb wird sich unsere Diskussion &#252;ber den Zusammenhalt der Gesellschaft nicht verengt auf die Integrationspolitik und ihre M&#228;ngel beziehen. Die gro&#223;e Debatte, die wir f&#252;hren m&#252;ssen, handelt von der solidarischen Erneuerung unserer Gesellschaft insgesamt. Der dynamische Wandel der Wirtschaft ver&#228;ndert unsere Arbeitswelt und unseren Alltag, der demografische Umbruch ver&#228;ndert unsere Gesellschaft, Europa w&#228;chst zusammen. Das alles schafft neue Chancen und neue Risiken. Das alles erfordert neue Verst&#228;ndigung und neue Gestaltung, neue Orientierung und neue Sicherheiten.</p>
<p>Verfestigt sich die Spaltung unserer Gesellschaft in Gewinner und Verlierer dauerhaft, dann wird dies uns allen gemeinsam schaden &#8211; und schlie&#223;lich selbst die vermeintlichen Gewinner in Verlierer verwandeln. Den fundamental ver&#228;nderten Bedingungen unserer Zeit wird unser Land deshalb nur durch eine gro&#223;e gemeinschaftliche Anstrengung der Erneuerung gerecht. Deshalb brauchen wir in Deutschland eine neue &#220;bereinkunft dar&#252;ber, in wlcher Gesellschaft wir im 21. Jahrhundert gemeinsam leben wollen. Und wir brauchen die &#220;bereinkunft dar&#252;ber, unter welchen Bedingungen uns das gelingen kann. Genau an diesem neuen &#8220;Gesellschaftsvertrag&#8221; &#252;ber Ziele und Mittel f&#252;r unsere Gesellschaft fehlt es bis heute in Deutschland.</p>
<p>Uns Sozialdemokraten geht es um die Verst&#228;ndigung &#252;ber die ver&#228;nderten Grundlagen unserer Gesellschaft; um die Verst&#228;ndigung &#252;ber das zeitgem&#228;&#223;e Wechselverh&#228;ltnis von Rechten und Pflichten, von Leistungen und Gegenleistungen, von Geben und Nehmen in unserem Land. Diese neue soziale &#220;bereinkunft muss den Staat, die B&#252;rgerinnen und B&#252;rger, aber auch alle Gemeinschaften, Wirtschaft und Gewerkschaften, Vereine und Verb&#228;nde einbeziehen. Notwendig ist ein auf gemeinsamen Zugewinn durch Zusammenarbeit ausgerichtetes Selbstverst&#228;ndnis unserer Gesellschaft und aller ihrer Akteure. &#220;ber die Inhalte dieser neuen sozialen &#220;bereinkunft f&#252;r unser Land suchen wir Sozialdemokraten die Debatte mit allen B&#252;rgerinnen und B&#252;rgern. Diese Verst&#228;ndigung wird ein wesentlicher Teil der Diskussion &#252;ber das neue Grundsatzprogramm der <acronym title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</acronym> sein.</p>
<p>Der Sozialstaat, wie wir ihn bislang kennen, wurde f&#252;r die Wirklichkeit der national begrenzten Industriegesellschaft geschaffen, in der die M&#228;nner das Familieneinkommen erwirtschaften. Dieser Sozialstaat ist in erster Linie auf Transferleistungen ausgerichtet und verfolgt zu sehr nachsorgende Ziele. Er k&#252;mmert sich zu wenig darum, Krankheiten und Arbeitslosigkeit, Bildungsmangel, Ausschluss und Armut von vornherein zu verhindern. Er investiert zu wenig in die soziale Infrastruktur und leistet keinen hinreichenden Beitrag, um die aktive Teilhabe der Menschen am Leben der Gesellschaft zu unterst&#252;tzen. Er f&#246;rdert die Menschen zu wenig und setzt Fehlanreize. Er ist gemessen an seinen Ergebnissen zu teuer, seine Finanzierungsbasis ist br&#252;chig und ungerecht geworden.</p>
<p>Die neuen sozialen Fragen, vor allem die Bek&#228;mpfung von Armut und Ausschluss, lassen sich mit dem Sozialstaat alter Pr&#228;gung nicht bew&#228;ltigen. Wir wollen keinen abgemagerten Sozialstaat, sondern einen besseren. Das zentrale Element einer neuen &#220;bereinkunft f&#252;r Deutschland muss deshalb ein erneuertes und positives Leitbild der sozialen Gerechtigkeit f&#252;r das 21. Jahrhundert sein. Unser Leitmotiv ist der vorsorgende Sozialstaat, der weitaus st&#228;rker als das bisherige Sozialstaatsmodell in die Menschen und ihre Potentiale investiert.</p>
<p>Willy Brandt wusste: &#8220;Nichts kommt von selbst.&#8221; Die erfolgreiche Erneuerung unseres Landes hat Voraussetzungen. Soziale Gerechtigkeit und gr&#246;&#223;ere Lebenschancen f&#252;r mehr Menschen erreichen wir unter fundamental ver&#228;nderten Bedingungen nicht mehr mit den alten Instrumenten. Aus meiner Sicht muss die neue &#220;bereinkunft f&#252;r Deutschland besonders auf der Einsicht in zehn zentrale Zusammenh&#228;nge gr&#252;nden:</p>
<ul>
<li>Wenn den Menschen im 21. Jahrhundert mehr Flexibilit&#228;t abverlangt wird, weil eine dynamische, wettbewerbsf&#228;hige Wirtschaft anders nicht m&#246;glich ist, dann m&#252;ssen sie sich im Gegenzug auf erneuerte Formen von sozialer Sicherheit, auf zeitgem&#228;&#223;e Bildung und Aktivierung verlassen k&#246;nnen.</li>
<li>Wenn wir in Zukunft in unserem Land einen hohen Wohlstand erhalten wollen, dann brauchen wir deutlich mehr &#246;ffentliche Investitionen in soziale Dienstleistungen, in Bildung und Wissen, in Innovation und Infrastruktur.</li>
<li>Wenn wir in Deutschland im 21. Jahrhundert wirtschaftlich erfolgreich sein wollen, dann m&#252;ssen wir auf hervorragende Produkte und Dienstleistungen setzen statt auf billige L&#246;hne, auf langfristiges Wachstum statt auf kurzfristigen Profit.</li>
<li>Wenn wir uns im Prozess der Globalisierung behaupten wollen, dann m&#252;ssen wir Europa als gemeinsame positive Antwort auf die neuen Herausforderungen begreifen und entsprechend organisieren.</li>
<li>Wenn wir wollen, dass die Globalisierung den Wohlstand nachhaltig vergr&#246;&#223;ert und mehr Besch&#228;ftigung erm&#246;glicht, dann muss sie im Interesse der Menschen mit fairen Regeln ausgestaltet werden.</li>
<li>Wenn wir die Gleichberechtigung der Geschlechter anstreben, dann muss f&#252;r Frauen und M&#228;nner die volle Vereinbarkeit von Beruf und Familie sichergestellt werden.</li>
<li>Wenn wir uns den demografischen Umbr&#252;chen der kommenden Jahrzehnte gewachsen erweisen wollen, dann m&#252;ssen wir die Bedingungen daf&#252;r schaffen, dass in Deutschland wieder mehr Kinder geboren werden und kein geborenes Kind vernachl&#228;ssigt wird.</li>
<li>Wenn der Staat unter ver&#228;nderten Bedingungen seine Leistungsf&#228;higkeit und Legitimit&#228;t bewahren soll, dann muss er f&#252;r alle B&#252;rger jederzeit als Partner an ihrer Seite erfahrbar sein.</li>
<li>Wenn wir im 21. Jahrhundert auf die Steigerung des Wachstums setzen, dann muss klar sein, dass dies nur auf der Basis der nachhaltigen Verwendung von Ressourcen zu verantworten sein wird.</li>
<li>Wenn wir wollen, dass Deutschland im 21. Jahrhundert als offene, lebendige und kulturell vielf&#228;ltige Gesellschaft erfolgreich sein soll, dann m&#252;ssen alle Gruppen das Grundgesetz und die ihm zugrunde liegenden Prinzipien akzeptieren.</li>
</ul>
<p>In unserem Land stecken weit gr&#246;&#223;ere produktive Potentiale, als viele glauben. Deshalb m&#252;ssen wir die soziale Marktwirtschaft erneuern, statt mit ihr zu brechen. Es ist der Irrtum der Konservativen und Marktradikalen, dass die Menschen in Deutschland den Sozialstaat ablehnen. Das Gegenteil ist richtig. Aber v&#246;llig zu Recht erwarten sie einen besseren, einen handlungsf&#228;higen und zupackenden Sozialstaat, der sich an der neuen Wirklichkeit unserer Zeit orientiert, die sie in Beruf und Alltag erleben. Darum m&#252;ssen wir unseren Sozialstaat erneuern, bevor er von denen einseitig aufgek&#252;ndigt wird, die meinen, sie k&#246;nnten ganz auf ihn verzichten.</p>
<p>Der vorsorgende Sozialstaat f&#252;r das 21. Jahrhundert investiert in die Menschen und ihre F&#228;higkeiten. Er f&#246;rdert Besch&#228;ftigung, setzt auf Gesundheitspr&#228;vention und verhindert Armut. Er gestaltet den demografischen Wandel mit den Betroffenen, und er erkennt die existentielle Bedeutung von Bildung f&#252;r die einzelnen Menschen wie auch f&#252;r die Zukunft unserer Gesellschaft an. Er ist Partner, nicht Verwalter der Menschen. Er macht Angebote, um ihre St&#228;rken zu entwickeln. Er aktiviert die Menschen, damit sie ihr Leben in eigener Verantwortung gestalten k&#246;nnen. Der vorsorgende Sozialstaat ist nicht Wachstumshindernis, sondern wirtschaftliche Produktivkraft; er muss daf&#252;r anders, weniger als bislang durch Sozialversicherungsbeitr&#228;ge finanziert werden.</p>
<p>So weit sind wir in Deutschland noch nicht, die aktuellen Vorf&#228;lle in der R&#252;tli-Schule haben das drastisch belegt. Dass es besser geht, machen uns vor allem die nordischen L&#228;nder vor. Dem Fatalismus und der Politik der Angst in Deutschland setzen wir Sozialdemokraten deshalb eine wertbegr&#252;ndete Politik der Zuversicht entgegen. Der Weg zu einer neuen &#220;bereinkunft f&#252;r unsere Gesellschaft ist kartiert &#8211; wir m&#252;ssen ihn nur gehen. So werden wir zugleich die gro&#223;en Grundwerte der <acronym title="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">SPD</acronym> &#8211; Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarit&#228;t &#8211; f&#252;r das 21. Jahrhundert mit neuem Leben erf&#252;llen und die Sozialdemokratie zur aktiven Kraft der Erneuerung in Deutschland machen.</p>
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